Die neue alte Kreativität: Revolutioniert das Design Thinking die nutzerzentrierte Gestaltung?

Design Thinking ist der Aufsteiger bei den Technologie-Trends 2016, so das IT-Wirtschaftsmagazin CIO. Entwickelt von den Professoren der Stanford University David Kelley, Larry Leifer und Terry Winograd, brachte der SAP Mitgründer Hasso Plattner die Innovationsmethode nach Europa. Immer mehr Unternehmen setzen auf Design Thinking, um ihre Produkte und Dienstleistungen näher am Nutzer auszurichten. Doch den Nutzer in den Mittelpunkt zu stellen, ist nicht unbedingt etwas Neues. Das Human-centred Design (HCD) fordert bereits seit den 1990er Jahren eine umfassende Nutzerorientierung. Ist Design Thinking also nur eine neue Beschreibung für Human-centred Design? Die Antwort lautet: "Jein". Wir zeigen Ihnen, worin die Gemeinsamkeiten und größten Unterschiede bestehen. 

  • Für UID schreibt Michael Burmester, Professor an der Hochschule der Medien Stuttgart und Experte für User Experience.
    Für UID schreibt Michael Burmester, Professor an der HdM Stuttgart und UX Experte

    Ein Ansatz – Zwei Bezeichnungen?

    Das wichtigste Grundprinzip und gleichzeitig die größte Gemeinsamkeit der beiden Ansätze steckt bereits im Wort Human-centred Design: Der Mensch steht im Mittelpunkt der Entwicklung eines neuen Produkts. 2011, als die DIN ISO 13407 auf die DIN ISO 9410-210 reformiert wurde, wechselte die Bezeichnung in der deutschen Fassung von „benutzerorientierte Gestaltung“ (User-centred Design) zu "menschenzentrierte Gestaltung" (Human-centred Design).

    Denn neben den eigentlichen Nutzern sind weitere Stakeholder, wie z. B. Entscheider im Einkauf, wichtig für den Gestaltungsprozess. Diese werden dann sowohl beim Human-centred Design als auch beim Design Thinking in alle Phasen der Produktentwicklung einbezogen – von der Analyse des Nutzungskontexts bis zur Evaluation.

    Die Nutzer werden in alle Phasen des Gestaltungsprozesses miteinbezogen.

    Eine weitere Gemeinsamkeit ist das iterative Vorgehen. Die Norm DIN EN ISO 9241-210 beschreibt den Prozess des Human-centred Design in vier Phasen: Verstehen des Nutzungskontextes, Festlegung der Nutzungsanforderungen, Entwurf von Gestaltungslösungen und Evaluation der Gestaltungslösungen. Diese Phasen werden so lange iterativ durchlaufen, bis ein optimales Ergebnis erzielt wird. Auch das Design Thinking folgt einem iterativen Prozess. Obwohl Design Thinking formal in sechs verschiedene Phasen eingeteilt ist, gibt es viele Überschneidungen.

    Die Phasen der beiden Prozesse werden iterativ durchlaufen.

    Die Analyse der Ausgangssituation spielt bei beiden Ansätzen eine entscheidende Rolle. Dazu gehören u. a. die Analyse spezifischer Aufgaben und Eigenschaften der Nutzer sowie die Analyse der Nutzungsumgebung. Denn wer seine Nutzer nicht genau kennt, entwickelt an ihren Wünschen vorbei. Auch bedienen sich beide Ansätze aus einem ähnlichen Methoden-Pool. So greifen Teams in beiden Gestaltungsprozessen beispielsweise auf Personas zurück. Personas sind hypothetische, aber sehr konkrete Beschreibungen eines typischen Nutzers. Sie erleichtern es den Gestaltern, sich in die tatsächlichen Nutzer eines Produkts hineinzuversetzen. Außerdem machen die Teams Ideen anhand von Prototypen erfahrbar und überprüfen die Ergebnisse mit Nutzern.

    Die beiden Ansätze bedienen sich aus einem ähnlichen Methodenpool.

    Warum Design Thinking mehr ist als das Altbekannte

    Während sich das Vorgehen stark ähnelt, unterscheidet die beiden Ansätze vor allem ihre Zielsetzung. Ziel des Human-centred Designs ist es, eine hohe Usability und User Experience eines Produkts zu gewährleisten. Design Thinking dagegen steuert auf das Entwickeln innovativer und kreativer Lösungen für komplexe Probleme hin. Es gilt, eine Lösung zu finden, die die Bedürfnisse der Nutzer befriedigt, technisch machbar und wirtschaftlich ist.

    Der größte Unterschied der beiden Ansätze besteht in der unterschiedlichen Zielsetzung.

    Damit hat Design Thinking einen deutlich breiteren Anwendungsbereich. Human-centred Design fokussiert sich meist auf das User Interface und auf bekannte Fragen. Das Problemspektrum beim Design Thinking kennt dagegen keine Grenzen: Es geht um das Erarbeiten neuer Produkte, Dienstleistungen, aber auch um Konzepte für die Lösung gesellschaftlicher Fragen.

    In Abgrenzung zu Human-centred Design werden Fragen beim Design Thinking häufig ganz neu entwickelt bzw. bestehende zunächst kritisch hinterfragt. Insgesamt betont Design Thinking Innovation und Kreation deutlich stärker, so bleibt Design Thinkern meist ein größerer Gestaltungsspielraum.

    Der Anwendungsbereich im Design Thinking ist deutlich breiter als beim Human-centred Design.

    Anders als Design Thinking ist Human-centred Design in einer offiziellen Norm beschrieben und definiert. Eine genaue Design-Thinking-Definition ist dagegen nicht ganz so einfach. Design Thinking ist zugleich eine neue Denkweise und eine Sammlung von Prinzipien, Methoden und Techniken. Das zugrundeliegende Vorgehen beim Design Thinking orientiert sich dabei an der Arbeitsweise und nicht zuletzt am "fokussierten, aber kreativen" Chaos von Designern und Architekten. Beim klassischen Human-centred Design greifen die Entwicklerteams auf das Gestaltungswissen der Human-Computer-Interaction (HCI) sowie dessen Standards und Styleguides zurück. Damit ist dieses Vorgehen sehr viel geregelter als im Design Thinking. Für bestimmte Aufgabenstellungen ist dies der schnellste Weg zum Ziel und deshalb bei vielen Projekten durchaus von Vorteil.

    Ein weiterer Erfolgsfaktor von Design Thinking ist die Arbeit in multidisziplinären Teams. Die Projektteams setzen sich aus Menschen unterschiedlicher Fachbereiche zusammen. Damit beziehen sie verschiedene Blickwinkel in den Arbeitsprozess mit ein. Die Teams arbeiten auf Augenhöhe, ergebnisoffen und lösungsorientiert – und dies funktioniert am besten in einer kreativen Umgebung. Deshalb lieben Design Thinker flexible Raumkonzepte mit viel Platz. Stehtische, Whiteboards und eine große Auswahl an verschiedenen Materialien, wie z. B. Legosteine und Post-its, helfen, Ideen schnell zu visualisieren. Zwar fordert die DIN EN ISO 9241-210 für das Human-centred Design ebenfalls interdisziplinäre Teams. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass den Prozess vorrangig Usability Professionals steuern und vorantreiben.

    Beim Design Thinking arbeiten Menschen aus unterschiedlichen Fachbereichen zusammen.

    Fazit: Ersetzt Design Thinking das Human-centred Design?

    Beim Design Thinking geht es in erster Linie um das Entwickeln und frühzeitige Testen von Visionen und kreativen Lösungsideen für unterschiedliche Arten von Problemen. Damit setzt Design Thinking früher und grundsätzlicher an als Human-centred Design. Die Stärke von Human-centred Design besteht darin, ein Produkt basierend auf den Anforderungen der Nutzer so zu gestalten, dass es intuitiv und einfach zu bedienen ist. Doch in den letzten Jahren hat Human-centred Design seinen Blickwinkel erweitert. Neben der Gebrauchstauglichkeit rücken die Attraktivität und emotionale Wirkung eines Produkts (User Experience) immer mehr in den Vordergrund. Damit wurde der Fokus wesentlich breiter.

    Die beiden Ansätze schließen sich keineswegs aus oder ersetzen sich. Sie ergänzen sich vielmehr gegenseitig. So können Teams mit Hilfe von Design Thinking im ersten Schritt Visionen und Lösungsansätze identifizieren. Im zweiten Schritt führt Human-centred Design zu einer nutzerorientierten Umsetzung. So können sie sicherstellen, dass aus einer Idee eine Innovation entsteht, die dem Nutzer tatsächlich einen Mehrwert bietet.

    Individuell auf Ihr Projekt abgestimmt setzen wir sowohl Human-centred Design als auch Design Thinking ein. Sie interessieren Sich für unsere Leistungen? Kontaktieren Sie uns!

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Dr. Claus Görner &
Franz Koller
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